Ernst Merkinger: Zu Fuß von Wien nach Marrakesch

Ernst Merkinger und Jan Pöltner

Mein lieber Freund Ernst Merkinger ist vergangenes Jahr noch ein paar Kilometer weiter gegangen als ich. In knapp vier Monaten ist der Niederösterreicher über 3000 Kilometer zu Fuß von Wien nach Marrakesh gepilgert. Ein wahrer Profi, Wanderguru und Experte also! In meinem Gespräch im Pötzleinsdorfer Schlosspark, habe ich mir noch einige Tipps und somit einen letzten Feinschliff für meine Wanderei geholt. Doch lest selbst, warum man beim Wandern wie eine Ziege stinkt, weshalb man einfach von Wien nach Marrakesh spaziert und welche Ratschläge Ernst für mich hat.

Ernst, du bist jetzt seit knapp sechs Monaten wieder in Österreich, was ist seitdem passiert?

So viel mit dem ich eigentlich gar nicht gerechnet habe. Ich durfte Workshops und Gehmeditationen leiten, Vorträge halten, ich habe einen Verleger für mein Buch gefunden und im Juni gibt es ein ganz neues Projekt von mir, darüber darf ich aber leider noch nichts verraten. Eine TV-Station hat sogar angefragt, ob ich als Moderator arbeiten möchte. Wenn ich 1,5 Jahre zurückblicke, wie orientierungslos ich da war und was sich in dieser eigentlich kurzfristigen Zeitspanne alles getan hat, dann bin ich ungemein dankbar.

Wie kommt man darauf von Wien nach Marrakesh loszumarschieren?

Kurz vor der Pilgerreise hatte ich einen ziemlichen Durchhänger. Ich war arbeitslos, wusste nicht so recht wohin… Also habe ich mich hingesetzt und mir ganz ehrlich die Frage gestellt: „Was liebe ich eigentlich?“ Und das ist das Pilgern, Geschichten zu erzählen, Fotografie, das Schreiben und Marrakesh, wo ich im Jahr davor schon war. Ich überlegte mir, wie ich das alles am besten verknüpfen kann und bin dann auf die Idee gekommen, von Wien nach Marrakesh zu spazieren. Dass das dann alles so ins Laufen kommt, dachte ich natürlich auch nie.

Wie ist es dir in dieser schwierigen Phase der Selbstfindung gegangen? Arbeitslosigkeit ist ja nicht unbedingt etwas Lustiges.

Also zu Beginn war es eigentlich ganz angenehm, fast wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich denkt: „Fuck, ich bekomme keinen Job, wie soll es weitergehen?“ Und das ist dann eine Phase, die muss man irgendwie durchstehen – diese Zeit hat mich wohl am meisten geprägt und am demütigsten gemacht. Deshalb zerbreche ich mir gar nicht mehr so den Kopf, wenn etwas nicht mehr so klappt, wie ich das gerne hätte – da hat mich die Pilgerreise schon sehr geprägt.

Natürlich wünsche ich mir, dass die nächsten Projekte so aufgehen, wie ich mir das vorstelle, aber wenn es nix wird, ist es auch voll ok. Weißt du, ob ich nach den nächsten Projekten jetzt 8.000 oder 12.000 Instagramfollower habe, ist mir relativ egal – ich bin draufgekommen: es gibt wesentlich Wichtigeres.

Ob ich 8.000 oder 12.000 Instagramfollower habe, ist mir eigentlich egal

Ernst Merkinger
(c) Ines Futterknecht / 1000things.at

Aber du hast dich dann quasi aus der Arbeitslosigkeit heraus entschieden: „Ich gehe da jetzt los.“

Nein, so kann man es auch nicht sagen. Ich habe mich schon sehr gewissenhaft vorbereitet. Also nachdem die Idee einmal da war, hat sie mich nicht mehr losgelassen und ich wollte das unbedingt machen. Dann habe ich mich hingesetzt und geschaut, was brauche ich für das Projekt eigentlich? Das war eine Website, ein Instagramauftritt, damit die Leute davon etwas mitbekommen und auf die zur Pilgerreise zugehörige Crowdfundingkampagne aufmerksam werden. Ich habe dabei Spenden gesammelt, um meinen Weg zu gehen und mir den großen Traum zu erfüllen. Zuvor habe ich selbstverständlich versucht Sponsoren für das Unternehmen zu finden, aber keiner wollte mitmachen.

Warum?

Weil ich nichts vorweisen konnte, weil ich zuvor Regie-, Redaktions- & Fotografenassistent war, weil ich eigentlich mein Leben lang nur Assistent war. Aber ich habe immer gewusst: früher oder später möchte ich etwas in Eigenregie machen. Den potenziellen Sponsoren war das aber relativ egal und ich war auf Crowdfunding angewiesen. Erst nach und nach sind Sponsoren und vor allem Medien auf mich aufmerksam geworden.

Warst du da nicht auch Kritik ausgesetzt von Leuten, die gesagt haben: Der Ernst schnorrt sich hier sein Instagram-Pilgerleben von uns per Crowdfunding?

Ich glaube, dass sich das einige gedacht haben und finde es auch nachvollziehbar. Aber nur insofern nachvollziehbar, weil mich diese Personen nicht kennen. Wenn sie mich kennen würden, dann wüsste sie, dass ich natürlich auch von etwas Leben muss.

Was wäre gewesen, wenn diese Crowdfundingsache nicht funktioniert hätte?

Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass es nicht funktioniert und habe zuvor auf Crowdfundingplattformen ähnliche Projekte angeschaut. Die meisten haben nicht funktioniert. Ich hätte die Sache aber trotzdem durchgezogen. Irgendwie wäre ich schon über die Runden gekommen, ich hatte für die 4,5 Monate 4.000 Euro am Konto.

Was würdest du sagen, wie man sich auf so einen langen Spaziergang vorbereitet? Hast du irgendwelche speziellen Tipps für mich?

Also ganz ehrlich: das kann meiner Meinung nach jeder machen, man muss sich gar nicht zwingend vorbereiten. Das Wichtigste ist, auf seinen Körper zu hören – wenn man an einem Tag nur zehn Kilometer gehen kann, dann geht man auch nur zehn Kilometer. Jeder Tag ist anders: Manchmal fühlen sich zehn wie vierzig Kilometer an und manchmal vierzig Kilometer wie zehn.

Das, was ich gemacht habe kann meiner Meinung nach jeder

Meine „Vorbereitung“ waren Yoga und Meditation, da ich denke, dass die mentale Komponente wesentlich wichtiger ist als die körperliche. Der körperliche Teil kommt dann automatisch mit der Zeit. So war es dann auch bei mir, in den letzten Tagen bin ich zum Beispiel jeden Tag fünfzig Kilometer gegangen, das wäre in den Anfängen niemals möglich gewesen, nach 3.000 Kilometer kommt man da einfach rein.

Aber hast du dir eine Route vorbereitet? Tag für Tag abgesteckt, wo du hingehst?

Ich habe mir Etappen eingetragen, ja, aber aus dem Motiv, weil ich in Marrakesh bei einem Event von André Heller eingeladen gewesen wäre. Ich habe aber schon in Frankreich bemerkt, dass sich das niemals ausgehen wird und ich auch gar nicht möchte, dass es sich ausgeht. Ich hätte dafür 30 bis 40 Kilometer täglich gehen müssen, nur damit ich dabei bin, der Stress hätte sich nicht gelohnt.

Hat es so etwas wie eine Packliste gegeben, oder hast du gedacht: Morgen wird gestartet, ich nehme drei T-Shirts und los geht’s!

Also ich war schon zuvor einmal pilgern (Anm., den spanischen Jakobsweg bis Santiago im Jahr 2016), also habe ich gewusst, was mich erwartet. Und selbst wenn du etwas vergisst, dann kauf es dir doch unterwegs oder lass es dir nachschicken.

Was sind Sachen, die man unbedingt braucht, die man zwingend im Gepäck haben muss?

Drei weiße T-Shirts, drei Unterhosen wären nicht schlecht und drei Paar Socken. Und ganz, ganz wichtig, lieber Jan: ein Deo! Roll On von Weleda #ad (lacht). Also diesen Tipp möchte ich dir schon wärmstens ans Herz legen. Man stinkt wirklich wie eine Ziege mit der Zeit! Aber man kann unterwegs immer wieder in einen See springen, das ist natürlich super. Ein extrem unterschätztes Accessoire ist meiner Meinung übrigens ein Regenschirm. Ein Pilger in einer meiner Unterkünfte hat einmal einen Regenschirm vergessen und ich dachte: wenn er ihn vergisst, dann nehm’ ich ihn, hat echt Spaß gemacht damit.

Ernst Merkinger
(c) Ines Futterknecht / 1000things.at

Hattest du ein Zelt und eine Matte dabei?

Nein, viel zu viel Gepäck. Ich habe manchmal sogar am Boden irgendwo draußen gepennt… Aber in den meisten Fällen haben mich die Leute zu ihnen reingelassen und ich habe in einem warmen Bett geschlafen. In den 4,5 Monaten habe ich vier Mal irgendwo am Boden schlafen müssen, dann solltest du aber zumindest einen Schlafsack haben.

Wie viel Gewicht hatte dein Gepäck?

Knapp 14 Kilo. Das Schwerste war tatsächlich mein Laptop, eine Uralt-Kraxen – mittlerweile habe ich Gott sei Dank einen neuen. Man kommt unterwegs auf viel drauf, was man eigentlich nicht benötigt und schickt es wieder nachhause.

Warst du vor deiner Reise eigentlich nervös?

Ja sicher, in der Vorbereitungszeit sind die Hosen voll. Ich habe einfach nicht gewusst, ob das alles funktioniert. Es hat eben finanziell nicht sehr rosig ausgehen und dann zu sagen: „Ich gehe jetzt von Wien nach Marrakesh“, war da schon sehr verrückt. Aber wie ich dann die ersten Schritte gesetzt habe wusste ich genau, ich mache das Richtige.

Es hat keinen Tag gegeben, an dem du gedacht hast es ist genug, ich will wieder heim?

Kurz und knapp: Nein.

Du kennst die Frage ja bestimmt auch und hast sie unzählige Male gestellt bekommen: „Warum macht man das?“ Was ist deine Antwort?

Ach, diese Frage kann man doch an genug Leute zurückstellen, die meiner Meinung nach total unglücklich in ihrem Job sind und denen so ein Spaziergang mal gar nicht so schlecht tun würde. Aber meine konkrete Antwort war dann immer sehr simpel. Weil es mir Spaß macht, weil man jeden Tag neue, spannende Leute trifft und weil man sich viel Zeit für sich selbst nimmst und man auf viele nützliche Gedanken kommt. Es kommen einfach „Gehdanken“ hoch, die sonst niemals in der Qualität kommen würden, man ist ja die meiste Zeit alleine unterwegs da bleibt schon viel Zeit für sich.

Wie geht es dir denn mit dem Thema Alleinsein? Man begegnet ja teilweise stundenlang nicht einmal einem Menschen?

Man lernt so viel über sich selbst. Aber es muss selbstverständlich auch der Wille da sein, sich besser kennenlernen zu wollen. Viele verschließen sich dem gegenüber ja, manchmal auch unterbewusst. Ich bin halt ein sehr facettenreicher Mensch, ich liebe es oft alleine unterwegs zu sein, mag es aber genauso in Gruppen zu wandern. Ich fühle mich nie alleine, da in mir selbst alleine schon viele Personen vereint sind und das soll sich jetzt nicht schizophren klingen. Da ist eine Mama in mir, die sagt, ich muss Wäsche waschen, ein Mönch, der will, dass ich mal wieder meditiere, der Yogi, der meint, dass ich meine Übungen mache – ich werde andauernd unterhalten in mir selbst.

Was ist wenn man unterwegs ist und man einfach auf die aktuelle Etappe null Lust hat? Wie motiviert man sich trotzdem?

So wie Thomas Muster das gemacht hat, bis zum bitteren Ende! In Marokko waren Etappen dabei, da stößt du an deine Grenzen. Du gehst fünfzig Kilometer am Asphalt, links und rechts im Endeffekt wüstenähnliche Landschaften, es hat vierzig Grad. Da wirst du zu deinem eigenen Thomas Muster, zu deinem eigenen Mentalcoach und pusht dich da durch! Aber ja: man braucht eigentlich schon einen ganzen Vogelschwarm im Kopf um das durchzuhalten.

Aber was sagst du in solchen Extremsituationen zu dir selbst?

Ich war einfach innerlich so getrieben, dass das gar nicht die extreme mentale Stärke benötigt hat. Das kennt doch jeder, wenn man etwas gerne tut, dann hat das nicht so viel Schwere und Anstrengung.

Nach und nach die Länder zu durchqueren, Österreich, Schweiz, Frankreich, Spanien – das waren Meilensteine und ein richtig geiles Gefühl

Und wie war dann das Ankommen für dich? Wie fühlt es sich an zu wissen: Ich bin da, ich hab’s geschafft!

Das war höchstemotional. Es war immer wieder ein phasenweises Ankommen, für mich war irgendwie der erste Schritt schon ein Ankommen – es überhaupt zu probieren hat mir schon sehr viel bedeutet und war ein Erfolg. Aber nach und nach die Länder zu durchqueren, Österreich, Schweiz, Frankreich, Spanien – das waren Meilensteine und ein richtig geiles Gefühl. Mich haben am Ende des spanischen Weges, kurz nachdem ich in Santiago angekommen bin, gleich zwei deutsche Pilgerinnen angesprochen: „Bist du nicht der Ernst? Wir kennen dich von Instagram!“ Das war in dem Moment total irritierend für mich, ich habe zwar sehr viel über Instagram geteilt, diesen Augenblick wollte ich dann aber eigentlich für mich alleine.

Zum Schluss in Marrakesh anzukommen war da dann etwas ganz Besonders. Schon die Etappe hin, habe ich mir die ganze Zeit gedacht: „Ich bin 3.476 Kilometer gegangen und 300 Leute haben im Endeffekt meine Crowdfundingkampagne unterstützt, verrückt!“ Dann am Ziel zu sein war einfach nur schön. Die gesamte Sache hatte eine wahnsinnigen Zauber inne und ich war einfach nur dankbar.

Ernst Merkinger
(c) Ines Futterknecht / 1000things.at

War es dann für dich sonderbar, wieder in dein „normales Leben“ zurückzukehren?

Nein. Ich sehe das sehr rational: die 4,5 Monate haben wirklich gereicht. Als ich in Marrakesh angekommen bin wusste ich wirklich, dass es jetzt genug ist und war sehr froh am Ziel zu sein. Ich bin auch in ein anderes Leben zurückgekehrt, alleine, welche Angebote ich bekommen habe und dass ich jetzt meine eigenen Dinge mit Workshops und Vorträgen durchziehen darf, täglich Leute teffe, die ich spannend und inspirierend finde, das gefällt mir sehr gut.

Was sind drei Tipps, die du mir unbedingt mitgeben würdest?

Ich zitiere Heini Staudinger: „Scheiß di ned au, sei ned so deppat und Liebe!“ Spaß beiseite, ich halte nichts von Tipps, Ratgeberlektüren oder dergleichen, du musst es wirklich für dich selbst rausfinden.

Beitragsbild: (c) Ines Futterknecht / 1000things.at

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